Dreißig Meter hinter der Kurve lag der Mann quer zur Fahrbahn auf der Straße. Er lag auf dem Rücken, und seine gerade ausgestreckten Beine steckten in einer schwarzen Hose. Er trug einen hellen Trenchcoat und sah meinem Auto entgegen. „Bügelfalten“, dachte ich, bevor mein rechter Fuß auf die Bremse schoss. Ich riss den Wagen nach rechts. Die Reifen schlugen gegen eine hohe Bordsteinkante, der Wagen flog auf den mit Sträuchern bewachsenen Grünstreifen, der die Fahrbahn von der Strandpromenade von Kühlungsborn trennte. Das Lenkrad flatterte in meinen Händen, als sich das Vorderrad in den sandigen Untergrund rammte. Dornen peitschten gegen den Lack.
‚Zieh die Füße ein, du Idiot!‘, schrie ich aus Leibeskräften.
Der Gurt spannte über meiner Brust und raubte mir den Atem. Dann stand der Wagen. Stachelige Heckenzweige pressten sich gegen die Windschutzscheibe. Aus den zerplatzten Sanddornfrüchten lief feiner gelber Saft. ‚Es hat links nicht gerumpelt, nicht unter dem linken Reifen, Gott sei Dank‘, dachte ich, und dann sah ich aus dem offenen Fenster. Der Kerl lag immer noch auf der Straße. Seine blankgeputzten Schuhe standen wie Pinguine nebeneinander. Ich riss die Fahrertüre auf. Die Schuhsohlen endeten direkt am unteren Türholm. Wie lange wir uns angestarrt haben, konnte ich der Polizei später nicht mehr sagen. Auch nicht, wann mir das Blut auffiel, das in hellen Spritzern auf seinem Mantel verteilt war. Ich weiß nur, dass es mir auffiel, und dass es Blut war. Eindeutig Blut. Ich hörte Möwen schreien und dachte daran, dass der nächste Wagen, der aus meiner Richtung kommen würde, uns beide erwischen musste.
„Stehen Sie auf!“
Ich bin nicht ausgestiegen, ich habe ihn angebrüllt. Einmal. Zweimal.
„Der Nächste fährt Sie platt!“, ich schlug auf seine Schuhspitzen, und er zog die Beine an. Fast gleichzeitig sahen wir beide in die Richtung, aus der ich gekommen war. Wir lauschten auf den Verkehr, aber nur die Möwen kreischten. Kein Auto. Ich konnte später nicht zu Protokoll geben, wann ich den Motor wieder angelassen, das Auto aus der Sandkuhle und den Hecken manövriert habe und noch einmal dreißig Meter weiter gefahren bin, um auf einem Standstreifen zu parken. Als ich zu dem Fremden zurück laufen wollte, war die Fahrbahn leer.
Ich habe dem Kommissar erklärt, weshalb mir nichts anderes übrig geblieben ist, als den Strand abzulaufen, um den Mann doch noch zu finden. Ich lief den Trampelpfad zum Meer hinunter, vorbei an leeren Strandkörben, und in der Nähe des Yachthafens sah ich ihn wieder. Er hatte beide Hände tief in den Taschen seines Mantels vergraben und war zwei Köpfe größer als ich. Er kam mir entgegen. Er sah mich nicht an. Ohne inne zu halten trat er an meine Seite; ich hörte seinen schnaufenden Atem, dann war er schon vorbei. Tief gruben seine Schuhe sich in den Sand. Ich will meine Leser nicht mit den Mühen langweilen, die ich hatte, bis er auf mein Rufen gehört hat und stehenblieb. Ich konnte bei den Vernehmungen nicht angeben, um wie viel Uhr ich ihn überredet hatte, ein Stück mit mir zu laufen. Seine Bedingung war, dass ich weder einen Krankenwagen noch die Polizei benachrichtige. Er zeigte auf einen Strandabschnitt, der von zwei Plattformen der Rettungswacht eingegrenzt war.
„Mein Lieblingsplatz, dort hinten“, sagte er, und deutete auf eine weiße Bank vor den Dünen.
Wir liefen dorthin. Möwen folgten uns. „Ich kenne die meisten gut“, sagte der Mann, und nickte mit dem Kopf in Richtung der Vögel. „Sie warten auf alte Leute, die ihr Frühstück mit ihnen teilen. Wie ich“, fügte er hinzu, und seine Stimme zitterte. Noch immer steckten seine Hände in den Manteltaschen. Er taumelte plötzlich. „Offenbar habe ich Sie doch erwischt“, sagte ich.
Wir setzten uns auf die Bank, jeder an ein Ende, und ich wies auf seinen Mantel. Er musste viel Blut verloren haben. Er starrte auf den Mantel. „Das hat andere Gründe“, sagte er leise.
„War es ein Auto vor mir?“
Mich gruselte. Aus solchen Geschichten lassen sich gute Schlagzeilen machen. ‚Alter Mann zuerst angefahren, dann überfahren‘. Der Mann bekam einen Hustenanfall. Noch immer hatte er seine Hände in den Manteltaschen vergraben. Er versuchte, eine Hand aus der Tasche zu ziehen, die rechte, und als ihm dies endlich gelungen war, sah ich die Waffe. Er zog sie mitsamt einem riesigen Stofftaschentuch aus seinem Mantel, und hochrot im Gesicht hustete er sich die Lungen aus dem Leib. Endlich bekam er wieder Luft. Ich sollte später erklären, weshalb ich nicht weggelaufen bin. Ob ich keine Angst vor einem Revolver hätte?“, fragte mich dabei der Kommissar.
„Dann wäre der Mord vielleicht nicht passiert, oder doch?“, wollte er wissen.
Ich gebe zu, dass ich überlegt hatte, aufzuspringen und wegzulaufen, während den Mann der Husten quälte. Aber ich habe ihn nicht für einen Verbrecher gehalten, nur für einen Selbstmörder, der sich gegen einen Schuss und für mein Auto entschieden hatte. Ein paar Minuten lang haben wir beide auf den Revolver gestarrt, der Alte und ich. Dann legte er ihn einfach zwischen uns auf die Bank.
„Er hat seinen Dienst getan“, sagte der Mann.
Er sah mich an. Seine dichten Brauen waren silbergrau, durchzogen von schwarzen Streifen. Er hatte schwer herabhängende Augenlider. Ich schätzte ihn auf sechzig.
„Er hat seinen Dienst getan“, wiederholte der Mann. „Mein Sohn ist tot. Erschossen. Aus. Vorbei. Und ich hab’s getan.“
Er sah mich immer noch von der Seite an. Dann grunzte er. Wieder musste er husten.
„Sie haben Ihren Sohn … erschossen? … Warum haben Sie ihn umgebracht?“
Mörder sind in den ersten Stunden nach ihren Taten oft wie unter Hypnose, hatte ich irgendwo gelesen. Erstarrt vor sich selbst. Das Unfassbare, das sie verbrochen haben, macht sie zu Reporten, als seien sie Zuschauer, nicht Täter gewesen. Für einen Moment ist ihre Aggressivität gelähmt, oder gebannt, ich kenne mich nicht gut mit solchen Sachen aus. Der Blick des Alten wurde geistesabwesend. Langsam, wie in Zeitlupe, schob er seine Rechte wieder zum Revolver. Seine Finger zitterten, wir starrten beide darauf. Sie zuckten wie Schmetterlinge über die Waffe. Ich bin mir sicher, dass er nicht wusste, was seine Hand gerade tat. Ich maß in Windeseile die Zeit, die mir zur Flucht bleiben würde, falls der Lauf sich auf mich richten sollte. Falls er mir in den Rücken schießen würde, hätte er ausreichend Gelegenheit, mich zu treffen, dachte ich.
„Ich musste es tun“, sagte der Mann plötzlich. „Er hat sie geprügelt, verstehen Sie, heute morgen schon hat er sie geschlagen, verprügelt, mein eigener Sohn.“
„Wen?“
„Meine Schwiegertochter.“
„Heute morgen?“
„Heute, und gestern, und vorgestern, und manchmal auch längere Zeit nicht.“
Ich ließ ihn reden. Immer noch zuckten seine Finger über die Waffe auf der Bank.
„Er hat sie fast von Anfang an geschlagen, wissen Sie, erst gesoffen, dann geschlagen. Manchmal auch getreten. Und wissen Sie, woher die Pausen kamen? Die Verschnaufpausen von der Prügelei?“
Er lachte rau.
„Sie ist manchmal weggerannt, ins Frauenhaus, oder zu ihrer Mutter, wissen Sie, und dann musste mein Sohn sich gedulden. Hat erst gewartet, dann mit dem Saufen aufgehört, die Wohnung geputzt, zwei Wochen nicht gesoffen, alle Spuren beseitigt, hat sich gut angezogen und ist zum Frauenhaus gelaufen. Oder zu ihrer Mutter.“
Der Alte lachte schallend. Erschreckt flogen die Möwen auf. „Bleibt sitzen, Möwen!“, schrie er ihnen hinterher.
Sein Lachen brach ab. Er beugte sich nach vorne und legte seine Arme auf die Knie. Von der Seite sah er mich an. Er hatte ein gut geschnittenes Gesicht mit kräftigen Linien um die Augen und breiten, freundlichen Lippen.
„Würden Sie sich schlagen lassen?“
Seine Stimme klang auf einmal drohend zu mir herüber. Ich schüttelte den Kopf.
„Aber sie, meine Schwiegertochter, die ließ sich schlagen. Wenn sie nicht mehr aus den Augen gucken konnte, dann hat sie den Jungen genommen und ist weggerannt, und immer wieder hat mein Sohn sie zurückgeholt.“
Er kniff die Augen zusammen, hielt eine Weile sein Gesicht in den Wind und drehte seinen Kopf langsam wieder zu mir hin. Als er die Lider wieder hob, waren seine Augen dunkelrot.
„Welchen Jungen?“
„Meinen Enkel, den besten…“, er suchte nach Worten, „den besten Jungen, den man sich denken kann.“
Seine Stimme vibrierte.
„Hat er, hat Ihr Enkel das alles, die Gewalt, die Prügel, meine ich, mit angesehen?
„Sicher, hat er! Wohin sollte er schauen?“
„Und Sie? Haben Sie Ihren Sohn schlagen lassen?“
Er nickte. Ich habe ihn gefragt, wie man zusehen kann, wenn eine Frau von einem Mann verprügelt wird. Der Alte stampfte einige Male mit seinen Schuhen im weißen Sand.
„Das war so, hören Sie gut zu“, sagte er.
Er lehnte sich zurück.
„Als ich ein kleiner Junge war, da hat mein Vater dasselbe getan, wissen Sie, dasselbe wie später mein Sohn mit seiner Frau. Gesoffen hat er, mein Alter, und Mutter geprügelt, und ich habe zugesehen. Klatsch, klatsch, sein Arm pfiff durch die Luft, seine Knöchel knackten, wenn er eine Faust ballte, und wenn meine Mutter sich am Tisch festgehalten hat, dann hat er ihren Arm weggestoßen und sie flog gegen den Kachelofen. Ich habe meistens im Türrahmen gestanden und alles miterlebt. Und wenn sie auf dem Boden lag, dann hat er ihr in den Bauch getreten und dabei irgendwelche Schimpfwörter geschrien und einmal, hören Sie gut zu, einmal hat er ihr mitten ins Gesicht getreten. Kennen Sie das Geräusch, wenn die Nase bricht? So ein Knirschen, als ob sie durch gefrorenen Schnee laufen. Ab da hatte meine Mutter die Mahnmale ihrer Duldsamkeit im Gesicht, und jeden Tag, wenn ich sie angeschaut habe, war das Geräusch wieder da.“
„Kam Ihr Vater ins Gefängnis?“, fragte ich.
Mich schauderte. Ich hatte keine Lust, mir solche Geschichten anzuhören. Andererseits würde ich wohl aussagen müssen, falls er mich nicht vorher auch noch erschießen würde wie seinen Sohn. Immer noch deckte seine Hand die Waffe zu. Wieder hörte ich sein von Husten durchzogenes Lachen.
„Gefängnis? Einmal hat eine Nachbarin ihn angezeigt, und als es zur Verhandlung kam, da hat meine Mutter gesagt, die Nachbarin wäre eine Verleumderin. Die Treppe wär sie runtergefallen, dabei hatten wir gar keine Treppe. Nein, nein, meine Mutter ließ sich prügeln und wenn die Wunden halbwegs verheilt waren, dann hat er sie beschlafen. Beschlafen, wissen Sie, wie man ein waidwundes Tier streichelt, und ihm dann den Fangschuss gibt. Ich habe ihn gehasst, bis auf den Tod gehasst.“
Er richtete sich schwer atmend nach vorn.
„Sie sind eine Frau“, sagte er, und wieder hatte seine Stimme einen drohenden Unterton. „Ihr Weiber wisst gar nicht, was in einem kleinen Jungen vor sich geht, dessen Mutter von einem Mann verdroschen wird. Je mehr er seine Mutter liebt, desto größer ist der Hass gegen den Kerl. Gegen seinen eigenen Vater, verstehen Sie? Und mit dem geht seine Mutter dann wieder ins Bett, dem verzeiht sie, den nimmt sie in Schutz. Den, der nichts als Hass und Strafe verdient. Und dann merken Sie, wenn Sie ein kleiner Junge sind, dass es besser ist, wenn Sie Ihre Mutter nicht mehr lieben. Wenn Sie Ihre Liebe nämlich einstellen, dann schwindet auch der mörderische Hass auf den Kerl, den die Mutter nicht rausschmeißt und anzeigt, und Sie können morgens in die Schule gehen, ohne Angst zu haben, am Nachmittag auf eine tote Mutter zu treffen. Und wenn sie tot ist, dann ist Ihre Liebe wenigstens nicht mit ruiniert, die ist nämlich schon lange tot. Tote Liebe, verstehen Sie? Verstehen Sie das?“
Ich habe ihm gesagt, was er hören wollte. Seine Hand lag auf der Waffe.
„Das hat noch eine Seite“, fuhr er fort. „Man ist ja ein kleiner Junge, wissen Sie, und will ein großer Mann werden, ein ganzer Kerl. Und wenn Sie keinen Hass empfinden müssen für einen Mann, der Ihre Mutter prügelt, dann können Sie ihn sich sogar zum Vorbild nehmen, und plötzlich fangen Sie an, die Schläge gegen Ihre Mutter zu genießen. Sie will es ja nicht anders, auch wenn sie jammert und quiekt. So habe ich das damals gesehen, und dann hab ich selbst eine Frau gehabt, die kam auch immer wieder zurück, wenn ihre Wunden verheilt waren, und mein Sohn hat dasselbe erlebt wie ich.“
Er lachte bitter.
„Heißt das, Sie haben Ihre Frau auch verprügelt, und auch gesoffen, und ihr auch die Nase gebrochen, während ihr Sohn zugeschaut hat? Zuschauen musste?“
„Zusehen, zuhören. Richtig, das heißt es“, sagte der Mann. „Mein Sohn hat dasselbe gelernt wie ich. Du kannst sie schlagen, die Weiber, und dann laufen sie weg, aber sie kommen wieder, und dann beschläfst du sie, und während du sie besteigst, wirst du dein eigner Vater, der deine Mutter besteigt, die sich prügeln lässt und beschlafen werden will. Solche Bilder gehen einem nie wieder aus dem Kopf, verstehen Sie, und die Weiber, die zu ihren Schlägern zurückkehren, die denken, alles würde jetzt besser, dabei wissen sie ganz genau, das nichts besser wird. Wer eine Frau einmal schlägt, der schlägt sie immer wieder. Das erste Mal ist nur der Test. Wenn sie dir verzeiht, dann wirst du sie immer wieder prügeln, und sie wird immer wieder zu Kreuze kriechen, weil du immer wieder um ihre Rückkehr kämpfst. Ein Mann will kämpfen, verstehen Sie?“
Er lachte höhnisch.
„Du kämpfst wie ein Söldner auf immer demselben Feld. Du schlägst sie nieder und hebst sie auf. Das haben solche Frauen gelernt, gelernt von ihren Müttern, und deshalb fühlen sie sich bei den Typen wohl, die genauso sind wie ihre Väter. Sie haben es bei ihren Müttern erlebt, und wir bei unseren Vätern, und dann sehen unsere Söhne dasselbe wie wir. Ja, so war das“, schloss er seinen Monolog.
Er krampfte seine Rechte um den Revolver und schnappte nach Luft.
„Warum…?“
„Warum ich meinen eigenen Sohn erschossen habe?“
Er hustete wieder, und sein Gesicht wurde violett. Langsam öffneten und schlossen sich seine Augen. Er schwankte auf der Bank hin und her.
„Meine Schwiegertochter ließ den Jungen manchmal bei mir, meinen Enkel, wissen Sie. Der Kleine hat gefragt, warum sein Papa die Mama schlägt. Er hat so gefragt, weil er klein war. Klein und dumm. Am Anfang konnte er sich nicht vorstellen, dass seine Mutter den Kerl verlässt. Kinder können sich das nicht vorstellen. Die glauben, ihre Eltern gehörten für immer zusammen. Das liegt in ihrer Natur, wissen Sie. Aber als er größer wurde, da änderten sich seine Fragen. Er wollte von mir wissen, warum sie zu ihm zurückkehrt. Wo der Kerl sie doch immer wieder prügelte. Soff und prügelte. Ich habe mich gewunden, das müssen Sie mir glauben. Ich wollte seine Mutter nicht schlecht reden, und seinen Vater auch nicht. Das ist mein Sohn, hören Sie, besser gesagt, das war er. Und wie konnte ich seine Mutter verurteilen, wo ich seine Großmutter doch genauso behandelt und mir nie Gedanken darüber gemacht hatte? Aber der Junge wurde älter, und eines Tages habe ich den ersten Hass in seinem Gesicht entdeckt, den Hass auf seine Mutter. Da wusste ich, nun geht es in die nächste Generation, und das hat mir ganz langsam die Augen geöffnet. Durch ihn habe ich begriffen, was mein eigener Sohn gefühlt haben muss, damals. Ich habe aufgehört, verstehen Sie, aufgehört mit allem, mit Schnaps, mit Ungeduld, fast sogar mit dem Luftholen, weil ich nichts mehr falsch machen wollte. Habe geredet mit meinem Sohn, und der hat mir ins Gesicht gespuckt. Habe mit meiner Schwiegertochter gesprochen, dass sie an den Jungen denken soll. Nichts, verstehen Sie, nichts hat sich geändert. Meine Frau ist schon lange tot. Vielleicht hätte sie mehr Glück gehabt als ich. Auf mich haben sie nicht hören wollen. Ich verstand sie sogar. Aber ich dachte immer an den Jungen.“
Er holte tief Luft. Plötzlich fielen seine Schultern tief herab, als würde sich ein innerer Knoten lösen, und sein ganzer Körper zitterte. Der Revolver prallte auf die Bank, drehte sich in seinen Händen und rutschte von der Bank in den Sand. Der Mann schlug beide Hände vors Gesicht und schluchzte. Eine Möwe hüpfte um die Waffe herum. Eine zweite kam hinzu, dann eine dritte. Das Schluchzen ebbte langsam ab.
„Der Junge“, fuhr der Mann mit rauer Stimme fort, „der Junge ist etwas Besonderes. Keiner von uns hat so einen Jungen verdient. Aus ihm wird mal etwas ganz Besonderes werden. Er lernt so schnell, wie ein Wiesel rennt, und er macht keinen Blödsinn. Trinkt nichts, wissen Sie, gar nichts. Auch keine Zigaretten, nichts. Ein wunderbarer Mensch. Er liest Bücher. Er denkt viel nach. Und er will alles wissen. Wenn er so vor mir stand, der kleine Kerl, damals, mit seinen leuchtenden Augen, aus denen die ganze Angst um seine Mutter funkelte, dann hat es mir das Herz gebrochen. Mit seinen Ärmchen machte er die Bewegungen nach, die sein Vater gegen die Mutter tat, die Faustschläge, und mit seinen kurzen Beinen auch die Tritte. Ich habe ihn manchmal nicht beruhigen können, und er hat geweint, bis in den Schlaf hat er geweint und noch im Traum. Dann blieb ich bei ihm, saß am Bett, wissen Sie, die ganze Nacht.“
Plötzlich rückte der Fremde näher zu mir herüber. Die Möwen flogen fast senkrecht vor mir in die Höhe, und den Schrecken, den der Alte mir eingeflößt hat, als er herüber rutschte, muss ich mit mir selber ausmachen. Ich fühlte seinen Atem, als er mich aus nächster Nähe ansprach. Raunend, mit rasselnder Lunge, flüsterte er:
„Auch wenn Ihr Weiber es nicht begreift, es ist eine lebenswichtige Entscheidung, vor der jedes solcher Kinder steht: Lebe ich für meinen Hass, oder lebe ich für meine eigene Zukunft? Nein, ich rede Unsinn. Diese Kinder können nicht für ihr eigenes Leben entscheiden. Sie sind Sklaven ihrer Angst und ihrer Liebe. Und ich hab die Entscheidung für den Jungen treffen wollen, verstehen Sie, verstehen Sie das, für das Beste, was je in dieser verfluchten Familie gewachsen ist. Ich wollte nicht, dass er für den Rest seines Lebens in den Frauen seine Mutter sieht, die sich schlagen und danach trotzdem beschlafen lassen und so wird wie sein Vater und ich. Er hätte keine Frau wirklich lieben können und sich selbst nicht achten. Es hätte ihn zerbrochen.“
Die letzten Worte raunte er wie ein Geheimnis in mein Ohr. Ich schwieg. Der Mann rückte ein paar Zentimeter von mir ab. Auf dem Sand die Waffe blinkte in der Sonne.
„Kommt daher das Blut auf Ihrem Mantel“, habe ich gefragt.
Der Mann nickte. Ich starrte auf den Mantel und er starrte auf die Wellen.
Als der Schrei einer Möwe über unseren Köpfen uns weckte, lag die Waffe im Schatten eines Menschen. Wir hatten ihn nicht kommen hören. Ich glaube, der Alte und ich haben gleichzeitig nach oben geschaut. Vor uns stand ein junger Mann. Wie auf Kommando rückte der Alte an seinen früheren Platz auf der Bank zurück, weit weg von mir. Ich hörte noch, wie er „Junge!“ rief.
Dann krachte der Hammer auf seinen Schädel. Es war ein riesiger Hammer an einem langen Stiel. Ein Vorschlaghammer. Dass der Alte seinen Arm noch schützend über den Kopf reißen konnte, muss ein Reflex gewesen sein. Schon der erste Schlag hat ein klaffendes Loch in seinen Kopf geschlagen. Fast an derselben Stelle grub sich der Hammer ein zweites Mal ein, und ein Bersten und Brechen war zu hören, umspielt von einem Wimmern, das beim dritten Schlag in ein Heulen überging, das ich nur ein einziges Mal, nämlich in einem Wolfsgehege in der Kasselburg, zu Ohren bekommen hatte. Dann fiel der Alte mit dem Kopf voran seitlich von der Bank. Alles hatte nicht länger als eine halbe Minute gedauert. Ich bin aufgesprungen, das konnte ich der Polizei später auch noch berichten. Ich habe um Hilfe schreien wollen, aber kein Laut ist über meine Lippen gekommen. Vor mir stand er, hochgewachsen, mit glänzend schwarzen Haaren und großen, dunklen Augen. Schweiß perlte von seiner Stirn, und rote Flecken bildeten sich auf seinem Gesicht. Sein Arm sank ein letztes Mal nach unten, und der Hammer entglitt seiner Hand. Sekundenlang standen wir uns gegenüber, bis das Wimmern abgeebbt war. Endlich fiel der Junge vor der Bank auf die Knie. Automatisch krallte ich mich in seine wattierte Jacke, und ich muss ihn geschüttelt haben.
„Warum?“ oder so ähnlich, habe ich ihn angeschrien.
Er sah zu mir auf.
„Sie verstehen das nicht“, sagte er nur.
Er wankte hin und her und wäre ohne den Griff meiner Faust in den Sand gekippt.
„Großvater“, er sah an mir vorbei zu dem alten Mann, „er hat meinen Vater erschossen.“
Wie in Trance nahm er den Revolver aus dem Sand und drückte ihn an seinen Bauch.
„Meine Mutter weint sich die Augen aus dem Kopf“, hörte ich seine noch kindliche Stimme.
Sie bebte. Der Junge hob den Kopf, versuchte meine Hand von seiner Schulter abzuschütteln und schloss seine Finger um die Waffe.
„Mama hat gesagt, ‚Junge, schlag ihn tot‘.“
Tränen liefen über seine Wangen.
„Bitte gib mir den Revolver, Junge“, habe ich leise gerufen.
Es kam zu spät.